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Wo laufen sie denn?

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Ein Problem, das sowohl LeserInnen als auch AutorInnen von Genreliteratur haben, heißt Zielgruppe.

Man ist es ja inzwischen gewohnt, dass Science-Fiction kaum noch so benannt wird und man sehr sorgfältig die Neuveröffentlichungen beobachten muss, will man nichts aus dem Lieblingsgenre verpassen. Gerade die großen deutschen Verlage meiden das Stigma SF.
Oft stolpert die SF-Gemeinde eher zufällig über solche Veröffentlichungen, denn offenbar sieht man sie gar nicht als Zielgruppe.

Als Juli Zeh die Nominierung ihres SF-Romans Corpus Delicti für den Kurd-Laßwitz-Preis ablehnte, begründete sie das damit, dass sie ihren Roman nicht als SF sähe.
Das ist ihr gutes Recht, aber es stellt sich die Frage, für wen schrieb sie ihren Roman? Warum wählte sie explizit ein Zukunftsszenario um ihre Geschichte zu erzählen, wenn sie dann doch irgendwie Scheu davor hat?
SF-Fans lesen Bücher mit Zukunftsszenarien. Das ist quasi ein Teil ihrer Definition des Genres. Sie sind automatisch die Zielgruppe solcher Bücher.

Ein ähnliches Auseinanderdriften lässt sich bei Nichts von euch auf Erden von Reinhard Jirgl feststellen – meiner aktuellen Lektüre.
Der Roman wurde im Feuilleton besprochen, der Verlag hat offensichtlich ganz normale Pressearbeit betrieben, aber eben nicht in der genuinen Zielgruppe. Warum?

Das Buch selbst ist, ich hab davon berichtet, in einer Sprache geschrieben, DurchschnittsleserInnen ausschließt. Trotz der Verwendung interessanter SF-Themen und Topoi scheint sich der Roman an jemand anderes zu wenden. Nun braucht Kunst keine Adressaten, es ist also eigentlich sinnlos zu hinterfragen, warum Jirgl SF nicht für normale SF-Fans schrieb. Hätte er die Geschichte in gebräuchlichen Worten erzählt, wäre es immer noch ein grandioser SF-Roman geworden.
So aber engt sich Leserschaft dramatisch ein. Das Buch verschwindet aus der Wahrnehmung der SF-Gemeinde und schlägt auf im Westentaschenuniversum deutscher Hochliteratur.

Das wird dem Hanser Verlag klar gewesen sein. Und so landet ein prallvolles Füllhorn moderner SF im germanistischen Archiv und wird zur Fußnote in der Geschichte der Deutschen Science Fiction: Jirgl, Reinhard – schrieb auch mal einen SF-Roman.

Und das macht mich traurig. Wahrscheinlich liegt es am Herbst.

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